Aus der JUNGLE WORLD:
Klassenkämpfer wider Willen: Die KPD und der Antisemitismus zur Zeit der Weimarer Republik.
von Olaf Kistenmacher, 14.07.2011
http://jungle-world.com/artikel/2011/28/43608.html
Aus: linksunten.indymedia.org
Kritik aus rätekommunistischer und anarchistischer Perspektive am Antisemitismus von links
http://linksunten.indymedia.org/de/node/39601
Kritische Selbstreflexion statt Abwehr und Verdrängung
Stellungnahme des LAK Shalom Sachsen zum Beschluss der Bundestagsfraktion vom 28. Juni
Kritische Selbstreflexion statt Abwehr und Verdrängung
http://bak-shalom.de/index.php/2011/06/29/
kri%C2%ADti%C2%ADsche-selbst%C2%ADre%C2%ADfle%C2%ADxi%C2%ADon-statt-ab%C2%ADwehr-und-ver%C2%ADdran%C2%ADgung/
30. April 2011 Presseerklärung von Gesine Lötzsch, Bundessprecherin der Partei DIE LINKE:
LINKE verurteilt Aufrufe zum Boykott israelischer Waren
Am
Beginn der heutigen Vorstandsitzung stellte die Vorsitzende der Partei
DIE LINKE, Gesine Lötzsch, klar: „Rechtsextremismus und Antisemitismus
haben in unserer Partei keinen Platz. Wir treten überall und
entschieden gegen antisemitisches Gedankengut und rechtsextreme
Handlungen auf. Dazu gehört ebenso, dass wir Aufrufe zum Boykott
israelischer Waren klar verurteilen.“
Antisemitismusvorwürfe gegen DIE LINKE: Eine Aneinanderreihung von Halbwahrheiten?
dazu ein Artikel aus "DER FREITAG":
http://www.freitag.de/community/blogs/aredlin/die-linke-und-der-antisemitismus-die-zweite-welle-der-stigmatisierung
aus dem TAGESSPIEGEL:
Linke und Antisemitismus : "Widerlich und ekelerregend"
http://www.tagesspiegel.de/politik/widerlich-und-ekelerregend/4240568.html
Zur aktuellen Stunde im Bundestag: "Antisemitimus in DER LINKEN"
(Red.File, 02.06.2011)
Bei der aktuellen Stunde im deutschen Bundestag zum Thema "Antisemitismus in der LINKEN" hat sich sehr schnell gezeigt, mit welcher Überheblichkeit und intellektuellen Fehlaustattung Vertreterinnen der anderen Parteien mit dem Thema "Antisemitismus" umgehen - siehe Zwischenrufe während der Rede von Dr. Lukrezia Jochimsen. Auch wenn einem vieles in DER LINKEN in der letzen Zeite ebenfalls nicht gefallen mochte, so kann man diese Partei bzgl. der Antisemitismus-Thematik wenigstens als "Einäugige unter den Blinden" bezeichnen, was
aber natürlich alles Andere als zufriedenstellend ist.
http://die-linke.de/nc/dielinke/nachrichten/detail/artikel/wir-dulden-antisemiten-nicht/
Für die anderen
Partien drängt sich die Tatsache aus der menschlichen Anatomie auf:
Wenn jemand mit dem Finger auf andere Menschen zeigt, weisen vier
Finger auf ihn zurück!
Ihnen geht es nur darum, die Thematik publikumswirksam zu einem
größtmöglichen Popanz aufzublasen, um DER LINKEN Schaden zuzufügen. Um
die Sache an sich geht es ihnen nicht!
Im Folgenden also der Artikel aus der JUNGEN WELT von Dr. Norman Paech:
http://www.jungewelt.de/2011/06-01/024.php
Aus der JUNGLE WORLD:
Selbstbewusste Antizionisten
In der Linkspartei suchen die Feinde Israels den offenen Konflikt. Sie wähnen sich dabei siegessicher.
Kommentar von Ivo Bozic:
http://jungle-world.com/artikel/2011/22/43304.html
Aus der FRANKFURTER RUNDSCHAU:
Download: Studie zu Antisemiten in der Linkspartei
Kommentar der Red.File Redaktion:
Insbesondere dieser Artikel dient der Meinungsfindung und spiegelt
nicht die Auffassung der Red.File-Redaktion wider. Besonders
der Vorwurf an den Parteivorstand DER LINKEN, zu dieser Thematik
untätig zu sein, ist falsch, hat sich doch unsere Parteivorsitzende,
Gesine Lötzsch, gerade kürzlich von Kampagnen, die zum Boykott von Waren aus Israel auffordern, eindeutig distanziert (siehe ihre Pressemitteilung vom 30. April, die als 2. Text im Homepage Link folgt)
Unsere Grundhaltung zum Thema wird durch den Artikel: "DIE Linke - Sie scharf zu kritisieren, ist notwendig - Die Kritik an ihr aber auch!" beschrieben.
In diesem Sinne ist aber die Auseinandersetzung mit dem Thema notwendig
und oben genannter Artikel aus der FR dringend erwähnenswert.
Stellungnahme des Bundesvorstands der Partei DIE LINKE hierzu:
Artikel aus der Mitteldeutschen Zeitung:
Die Linke - Im Schatten des Antisemitismus
von Markus Decker - 19.05.11
http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta%2Fpage&atype=ksArtikel&aid=1305782250449
Landesarbeitskreis "Shalom", Bayern
Linksjugend gegen Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus und regressiven Antikapitalismus
http://shalom-bayern.blogspot.com/
Stellungnahme des BAK Shalom zu den Reaktionen auf den Stopp der Free Gaza-Flottille
http://bak-shalom.de/index.php/2010/06/06/stellungnahme-des-bak-shalom-zu-den-reaktionen-auf-den-stopp-der-free-gaza-flottille/
Aus dem "Kritiknetz":
Für universelle Menschenrechte - gegen Hass und Hetze
Geschrieben von: Koordinierungsrat deut. NGO's gegen Antisemitismus
Samstag, 26. Februar 2011 um 09:59 Uhr
Offener
Brief des Koordinierungsrats deutscher
Nicht-Regierungsorganisationen e. V. an den
Ministerpräsidenten der Republik Türkei Recep Tayyid Erdogan zum
Antisemitismus in der Türkei
http://networkedblogs.com/eMaN4
Aus Zeit-Online:
Artikel von Jörg Lau zum Thema:"Antisemitismus"
http://www.zeit.de/2011/05/Judentum?page=1
"Linker" Antisemitismus?
Dieses
Schlagwort ist meines Erachtens so nicht haltbar. Antisemitismus war für den
deutschen Faschismus Träger, Erfolgsorgan und der geistig-mystischer
Überbau. Hier gibt es keinen historisch oder überhaupt wissenschaftlich
zulässigen Vergleich mit anderen Ideologien und Auffassungen.
Auch kommt man erst recht nicht weiter damit, bei der Linken (gemeint ist nicht nur die
Partei, sondern die gesellschaftspolitische Linke) eine einheitliche
"antijüdische", "antiisraelische" oder gar "antisemitische" Haltung auszumachen, und diese dann noch über die Formel
"Rechtsextremismus=Linksextremismus" etwas mit dem Faschismus der NPD gleichzusetzen. Wenn Frau Knobloch,
Präsidentin des Zentralrates der deutschen Juden das tut, mag das auf
der einen Seite verständlich sein, weil sie damit ihrer Sorge über die
Verbreitung des Antisemitismus allgemein Ausdruck verleiht, im Ergebnis
wird sie jedoch auf diese Art und Weise ihrer eigenen Sache maximalen
Schaden zufügen.
Denn: Es ist schlimm
genug, dass es nicht wenige Linke gibt, die von einer Teilwahrheit so
überzeugt sind, dass sie unbewußt Denkstrukturen fördern, die Islamisten
und Reaktionären in die Hände spielt und die offenem und latenten
Antisemitismus Nahrung verschafft.
Wenn
Frau Knobloch oder auch sog. "Antideutsche" aber alle Linken in einen
Topf schmeißen, so ist das unwahr und gefährlich, weil der "richtige"
Antisemitismus der Rechten davon erheblich profitieren wird.
Haben
sich Frau Knobloch und andere eigentlich mal überlegt, wer im
Zweifelsfalle gegen Rechtsaußen und Faschismus Widerstand leisten soll?
http://blog-der-wendungen.blogspot.com/2010/05/knobloch-warnt-vor-linkem.html
(Red.File, 24.07.2010)
Zur Aktualität der Antisemitismus-Debatte
Die
Antisemismusdebatte hat in den letzten Tagen in Europa leider in recht
starkem Ausmaße an Brisanz gewonnen. Das zeigt der folgende Artikel aus
der französischen Le Monde, den ich rein zufällig gefunden habe.
http://www.lemonde.fr/europe/article/2010/12/07/aux-pays-bas-frits-bolkestein-invite-les-juifs-conscients-a-quitter-le-pays_1449868_3214.html
Der handelt von
einem gewissen Frits Bolkestein, einem konservativ-neoliberalen,
ehemaligen Vorsitzenden einer niederländischen Regierungspartei, der
"verantwortungsvollen Juden" (sein Begriff) nahelegt, die Niederlande
zu verlassen, weil es für sie keine Zukunft
mehr im Lande gäbe, und sie zunehmend der Gefahr eines wachsenden
Antisemitismus ausgesetzt sein würden, vor allem seitens von
jungen marokkanischen Einwanderern.
Hier wird also offen
zugegeben, dass man gegen den Antisemitismus nichts mehr unternehmen
will, mit der perfiden Wendung, dass man selbst ja gar nicht schuld
daran sei, sondern eben z.B. unterprivilegierte marokkanische
Einwanderer.
Das ist
allerübelster antisemitischer und sozialrassistischer Zynismus und
zeigt, dass der Faschismus die neue alte Spielart der
Kapitalbourgeoisie ist, auch wenn sie noch so bürgerlich-seriös
daherkommt. Kapitalismus und Faschismus fressen im Krisenfalle (zumeist
von ihnen selbst verursacht und herbeigeführt) von einem Teller.
Die Niederlande sind
nun wirklich nicht soweit weg, als dass einem das egal sein könnte. Das
hat Auswirkungen auf ganz Europa, ztumal sich Faschismus,
Kulturrassismus und Sozialrassismus je nach äußeren Bedingungen elegant
abwechseln. Das repräsentiert die zunehmende Verhaiderung der
Konservativ-Liberalen in ganz Europa.
Nun hat natürlich
bei der Antisemitismus-Debatte jeder demokratische, differenziert
denkende, fortschrittliche und humanistisch eingestellter Mensch, d.h.
im Idealfall jeder Anhänger der politischen Linken, eine
unterschiedliche Gewichtung der Fakten und politischen Sachverhalte.
Und weil die Realität eben oft komplizierter und mehrdimensionaler ist,
als es uns diejenigen Menschen klarmachen wollen, die entweder
Ideologien oder an sich berechtigte politische Überbegriffe wie
Monstranzen vor sich hertragen, möchte ich nun die folgende
Buchbesprechung von Jens Renner an dieser Stelle bringen.
Einen Sachverhalt
der mich sehr verärgert und in zunehmendem Maße extrem mißtrauisch
werden lässt: Es gibt mittlerweile nicht wenige Exponenten,
die die Sache des Antisemitismus sehr betont zu ihrer eigenen Sache
machen, und die politische Linke teilweise heftig und auch zu
tatsächlich gegebenen Alässen heftig kritisieren. Nur die Art und Weise
dieser Krtik und die politischen Konsequenzen und Wertungen, die sie
daraus ziehen, liegt oft völlig danaben: sowohl menschlich als auch
politisch - hier werden nach stalinistischer Manier Unpersonen erzeugt
und es wird einem Poltik-, Staats- und Gesellschaftsverständnis
das Wort geredet, das seine Grundlagen eigentlich auf Seiten der
politisch Rechtskonservativen hat.
Das muss in Zukunft genau beobachtet und ggf. politisch-argumentativ angegriffen werden.
(Einleitung von: Red.File, 10.12.2010)
Wahlloses Wüten
Moshe Zuckermann über den Antisemitismusvorwurf als Herrschaftsinstrument
In seinem neuen Buch behandelt Moshe Zuckermann, Professor für
Geschichte und Philosophie in Tel Aviv, ein brisantes Thema: die
Instrumentalisierung der Shoah und des Antisemitismusvorwurfs in der
israelischen wie in der deutschen politischen Kultur. Eine deutsche
Besonderheit besteht darin, dass nicht nur der politische und mediale
Mainstream den Schulterschluss mit den jeweiligen israelischen
Regierungen sucht, sondern auch die aus der Linken kommende Strömung
der "Antideutschen". Ihnen wirft Zuckermann eine "regressive Vergangenheitsbewältigung" vor; ihre bedingungslose Identifikation mit
Israel werde zum Fetisch. Indem sie jegliche Kritik an Israel als "Antisemitismus" niedermachten, schadeten sie zudem der Bekämpfung des realen Antisemitismus.
"Noch nie sind ,Shoah`, ,Antisemitismus`, ,Juden` und
,Judenhasser` so vollmundig zelebriert und mit Genuss öffentlich
gefaucht worden. Noch nie ist der konstruierte Zusammenhang von
Zionismus, Israel, Shoah, Antisemitismus und Nahostkonflikt so weidlich
instrumentalisiert, perfide ausgekostet und schändlich missbraucht
worden wie im gerade abgelaufenen ersten Jahrzehnt des 21.
Jahrhunderts." Im ersten Teil seines Buches belegt Moshe Zuckermann
diesen Befund für Israel, im zweiten für Deutschland.
Hauptdarstellerinnen auf dem deutschen Schauplatz der
"anti-antisemitischen Farce" (Zuckermann) sind ExponentInnen der
staatstragenden Parteien und der Mainstream-Medien; eine Nebenrolle
spielt die kleine, aber lautstarke Strömung der "Antideutschen", die
Zuckermann "enthusiasmierte Israelanhänger" nennt. Die von diesen
propagierte "bedingungslose Solidarität" mit Israel schließt auch die
Begeisterung für dessen Kriege mit ein - bei gleichzeitigem Bekenntnis
zu "kommunistischer Kritik" und Bezugnahme auf Marx und Adorno.
Einer ihrer Wortführer, der Politikwissenschaftler und Jungle-World
Autor Stephan Grigat, bringt die von ihm konstruierte Identität von
Kommunismus und Zionismus besonders verdreht auf den Punkt: Solange die
klassenlose Gesellschaft nicht auf der Tagesordnung steht, gelte es,
"an einem materialistisch zu interpretierenden zionistischen
kategorischen Imperativ festzuhalten: alles zu tun, um die
Möglichkeiten auch präventiver Selbstverteidigung der Zufluchtstätte
der Shoah-Überlebenden aufrechtzuerhalten." (zitiert in ak 517) Wer dem
widerspricht, ist für die Antideutschen ein Antisemit. Der Feind steht
links; ihn gilt es zu entlarven und anzuklagen, gern auch im Bündnis
mit den staatstragenden Parteien und in der Springer-Presse.
"Gesinnungsabtrünnige", die sich "bellizistisch aufspielen"
Wie sich hier zusammenfindet, was ideologisch zusammengehört, wird in
Zuckermanns Buch eindrucksvoll beschrieben. Schon in der Vorbemerkung
hebt er hervor, dass die "Träger der anti-antisemitischen Farce" der
"Bekämpfung des wirklichen Antisemitismus" schaden, weil sie durch ihr
"wahlloses Wüten vom eigentlichen, historisch gewachsenen Problem
dieser zum Paradigma der Menschenverachtung gewachsenen
Zivilisationserscheinung ablenk(en)" würden. Darüber hinaus denunzieren
sie die oppositionellen Kräfte, die in Israel gegen Besatzungspolitik
und anti-arabischen Alltagrassismus kämpfen - aus Solidarität mit den
Unterdrückten, aber auch aus Sorge um die Zukunft des eigenen Landes.
Die antideutschen "enthusiasmierten Israelanhänger" stellen sich damit
gleich doppelt auf die falsche Seite - im Land der Täter ebenso wie im band der Opfer. Dass in beiden politischen Kulturen, wenn auch in
unterschiedlicher Weise, eine "heteronome Instrumentalisierung der Menschheitskatastrophe", der Shoah, betrieben wird, hat Zuckermann
schon früher nachgewiesen, u.a. in seiner erstmals 1998 erschienenen brillanten Studie "Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den
politischen Kulturen Israels und Deutschlands". In seinem neuen Buch
aktualisiert er diesen Befund, indem er öffentliche Interventionen
israelischer Spitzenpolitiker analysiert: Ministerpräsident Benjamin
Netanjahu, Außenminister Avigdor Liebermann, Staatspräsident Shimon Peres. Letzterer hatte am 27. Januar 2010, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, vor dem Deutschen Bundestag gesprochen. Die Rede
hatte ein Nachspiel, als der Linkspartei-Abgeordnete Michael Leuten enthüllte, dass drei seiner Fraktionskolleginnen sich nicht an
den Standing Ovations für den Redner beteiligt hatten. Während die deutschen Medien den neuesten linken "Antisemitismus"-Skandal
witterten, tut Zuckermann das Naheliegende: Er untersucht die Inhalte
von Peres' Rede und kommt zu dem Schluss, dass dieser dem Bundestag
eine "Lehrstunde über die Geschichte des Zionismus und des Staates
Israel" zugemutet habe, "ein ausgeklügeltes, tausendfach wiederholtes
Narrativ und von Halbwahrheiten, Klitterungen und Entstellungen nur so strotzendes Ideologiekonstrukt". Nichts also, das theatralisch zur Schau gestellte Begeisterung verdient hätte.
Gleiches gilt für Angela Merkels Knesset-Rede im März 2008, die in dem
staatsoffiziellen Bekenntnis zur "besondern historischen Verantwortung
Deutschlands für die Sicherheit Israels" gipfelte: "Diese historische
Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staaträson meines Landes." Zu
Recht fragt Zuckermann, wie denn die deutsche Kanzlerin Israels
Sicherheit zu gewährleisten gedenkt: Etwa indem sie "gegebenenfalls ihr
Land in einen Nuklearkonflikt im Nahen Osten involvieren würde"? Oder
hält sie "nur" die "Verschickung deutscher Soldaten an die Front
konventioneller israelischer Kriege" für vorstellbar? Gregor Gysi, der
Merkeis Verständnis deutscher "Staaträson" gegenüber Israel für die
Linkspartei übernehmen will (vgl. ak 530 und 533), täte gut daran, sich
diese Fragen ebenfalls zu stellen.
Während Zuckermann auf Gysis einschlägige programmatische Rede "Die
Haltung der deutschen Linken zum Staat Israel" (April 2008) nicht gesondert eingeht, sieht er doch bei der Linkspartei generell einen
"Gesinnungsruck auf den gesamtdeutschen Politkonsens zu". In Bezug auf Israel und den Nahostkonflikt scheint dieses Urteil etwas vorschnell.
Recht hat Zuckermann in seiner - teils mit ätzender Polemik formulierten - Abgrenzung von den "Antideutschen": Hier sieht er
"Gesinnungsabtrünnige" versammelt, die "unverhohlen den Kapitalismus
begrüßen", "eigene linkslastige ,Jugendsünden` abstreifen" und sich
"bellizistisch aufspielen". Auf den selbst formulierten Einwand, "dass
hier ein randständiges Phänomen, mithin die Aktivität einer
verschwindenden Minderheit hochgespielt und überbewertet werde",
antwortet Zuckermann, es gehe "eben nicht mehr um eine Randerscheinung,
sondern um einen weit übers lauthals Artikulierte grassierenden Ungeist, der sich in wesentlich mehr linken Institutionen eingenistet und
etabliert hat, als man gemeinhin bereit ist, sich selbst einzugestehen."
Fragwürdige psychoanalytische Deutungen
Ob Zuckermann hier das Gleiche tut, was er den "pseudolinken
Antisemitenjägern" vorwirft - von Alarmbereitschaft in Alarmismus zu
verfallen - muss einstweilen offen bleiben. Ziemlich gewagt ist seine
psychoanalytische Erklärung für den Rechtsschwenk, mit dem aus
ehemaligen Linksradikalen begeisterte AnhängerInnen der israelischen
Besatzungspolitik, des Anti-Islamismus und der "Anti-Terror"-Kriege des Westens wurden: "Es wäre an der Zeit, fundiert zu untersuchen, was
andeutungsweise längst behauptet wird: Inwieweit sich gerade bei ,Antideutschen` ein aus der eigenen Schuldabwehr gebildeter, vorbewusst
pulsierender antijüdischer Affekt auf einen islamophob gespeisten Araberhass solcherart verlagert hat, dass nun beides zugleich möglich
wird: unterschwellig verhasste, weil Schuld erzeugende Juden zu ,lieben`, zugleich aber judenfeindliche Araber, mit denen man sich uneingestandenermaßen solidarisiert, zu hassen."
Weiter hinten macht Zuckermann aus dem, was er hier noch als Hypothese
formuliert, bereits gesicherte Erkenntnis: "Ähnlich wie der Antisemit,
der in allem Jüdischen paranoid eine Bedrohung gewahrt, weil er auf den
Juden eigene Ängste und Lebensdefizite projiziert und sich mit ihm
gerade darin heimlich identifiziert, erblickt der ,antideutsche` Juden-
und Israelfreund in allem den drohenden ,Antisemitismus`, auf den er
das projiziert, was er sich selbst nicht eingestehen darf, gerade weil
er sich mit ihm identifiziert: die eigene, in die Latenz verwiesene
antisemitische Regung." Und weiter: "Was sie (die Antideutschen; Anm.
ak) nicht an den Juden ausleben dürfen, sollen Juden an den
Palästinensern austoben können."
Das ist starker Tobak. richtig scheint, dass sich bei den Antideutschen
"das Bekenntnis zu Israel als Fetisch erweist, bei dem nicht nur
israelische Realität (und Aspekte des Zionismus) geflissentlich
ignoriert werden, sondern Juden und Judentum abstrahiert werden ..." Hier zeigt sich in der Tat eine strukturelle Analogie zum Antisemitismus, wie JeanPaul Sartre ihn in seinem berühmten Essay "Porträt des Antisemiten" beschreibt: Entscheidend für dessen Hass sei
"die Idee vom Juden" ("1'idee de Juif`), also die Vorstellung, die er sich von Jüdinnen und Juden macht, nicht deren reales Verhalten. Vor
allem an zwei Beispielen aus Linksdeutschland, denen er jeweils ein Kapitel widmet, versucht Zuckermann seine These vom
Antisemitismusvorwurf als Herrschaftsinstrument zu belegen: der
Verhinderung von Claude Lanzmanns Film "Warum Israel" in der Hamburger
Brigittenstraße im Oktober 2009; der Ein- und Ausladung Norman
Finkelsteins durch die Berliner Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) Anfang
2010. Über ersteren "Fall" gibt es bis heute kontroverse Darstellungen.
Offensichtlich handelte es sich um eine antizionistische
Propagandaaktion gegen einen zionistischen Propagandafilm, die bei
Israel-Freundinnen unterschiedlicher Couleur "ausufernde Hysterie" (so
Zuckermanns Kapitelüberschrift) auslöste, u.a. in Gestalt einer Protestresolution mit dem Titel "Es darf keine antisemitische
Filmzensur in Hamburg geben!". Unterschrieben wurde sie von
Politikerinnen der Grünen und der Linken, namhaften Intellektuellen aus dem ln- und
Ausland (u.a. Micha Brumlik, Serge und Beate Klarsfeld, Claude
Lanzmann, Andrei Markovits, Moishe Postone) sowie deutschen
Israelfreunden (Thomas Ebermann, Ralf Giordano, konkret, Matthias
Küntzel, Thomas von der Osten Sacken).
Zuckermann, der die Verhinderungsaktion prinzipiell legitim zu finden
scheint, hat zwar Recht mit seiner Kritik an der "hysterischen"
Gegenreaktion: "Man soll nie mit Kanonen auf Spatzen schießen: Die
Munition könnte sich nämlich verbraucht haben, wenn es politisch und sozial ans Eingemachte geht." Weil diese Reaktion aber voraussehbar
war, muss man den antizionistischen Aktivistlnnen zumindest massive politische Dummheit vorwerfen: Dem Anliegen ihrer "aktionistischen
Inszenierung, die auf die aktuellen Verhältnisse in den
Palästinensergebieten hinweisen sollte", haben sie einen Bärendienst
erwiesen.
"Ausufernde Hysterie" und Verharmlosung
Über die Ausladung Finhelsteins durch die Berliner
Rosa-Luxemburg-Stiftung ist in dieser Zeitung in drei Beiträgen
kontrovers diskutiert worden. (vgl. ak 548 und 549) Zuckermann empört
sich über die "hetzkampagnenartig orchestrierte Verhinderung des
Auftritts Norman Finkelsteins in Deutschland", auch über die
Leichtfertigkeit, mit der einige Antideutsche meinen den
US-amerikanischen Juden Finkelstein, als "Antisemiten" entlarven zu
müssen. Überschrieben ist das Kapitel mit "Vorauseilende Selbstzensur".
Ob das den Kern der Sache trifft, darf bezweifelt werden. (Mir scheint,
die RLS hat, um einen Fehler -- die Einladung des Provokateurs Finkelstein - zu korrigieren, mit seiner Ausladung einen weiteren,
vielleicht noch schlimmeren Fehler gemacht. ) Dass Zuckermann in beiden von ihm erörterten Fällen anti-antisemitischer Hysterie klar Stellung
bezieht, ist zwar mutig und dem Charakter seines Buches angemessen:
Eine politische Kampfschrift -- und um die handelt es sich hier -
braucht eine eindeutige "Positionierung"; und starke Worte, die bei
Zuckermann allerdings in auffallendem Kontrast stehen zu sehr
zurückhaltenden Formulierungen, wo es um den arabischen oder
"islamisierten" Antisemitismus geht. Darin manifestiere sich "letztlich
nichts als Ohnmachtsrhetorik der Verlierer", findet Zuckermann; und in Auseinandersetzung mit Charlotte Knobloch, der Präsidentin des
Zentralrats der Juden in Deutschland, lässt er einen Satz beginnen mit "So kritikwürdig die Ideologie der Hamas sein mag ..." Seine
antideutschen Lieblingsfeinde werden sich über solche Verharmlosungen freuen.
Moshe Zuckermann hat ein wichtiges Buch geschrieben, das aufmerksam
gelesen und breit diskutiert werden sollte. Dass es bei denen, die aus
ihrer "bedingungslosen Solidarität`` mit Israel eine Weltanschauung
machen, Selbstzweifel auslöst, ist leider nicht zu erwarten.
Jens Renner
Moshe Zuckermann: "Antisemit!" Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument.
Promedia Verlag, Wien 2010. 208 Seiten, 15,90 EUR
ak 555, 19.11.10
Zum Angriff der israelischen Marine auf den Schiffskonvoi "Free Gaza"
-bitte hier klicken!-
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